Corona-Krise |

Zurück

Problemfall Zierfischhandel

Weil die Fluggesellschaften die meisten Flüge eingestellt haben, ist auch der Zierfisch- und Reptilienhandel von den Auswirkungen der Corona-Pandemie betroffen. Vier Experten kommen zu Wort.

Was wir gefragt haben

  1. In welcher Form beeinflussen die Flugausfälle den Import von Zierfischen und Reptilien? 
  2. Welcher Exportländer sind besonders davon betroffen?
  3. Mit welchen Maßnahmen wird versucht die Lieferkette von den Züchtern und Exporteuren nach Deutschland aufrechtzu erhalten?
  4. Welche Alternativen bieten sich an?
  5. Wir hat sich das Einkaufsverhalten der Fachhändler aufgrund der Corona-Pandemie geändert?

 

Aqua-Global Zierfischgroßhandel, Ingo Seidel

  1.  Die Flugausfälle werden den Handel mit Zierfischen in den nächsten Monaten extrem beeinflussen. Etwa 80 bis 90 Prozent der Zierfische gelangen als Importe vor allem aus Südostasien und Südamerika nach Europa. Dies geschieht im Frachtraum von Passagierflugzeugen. Da kaum noch Flugverbindungen existieren, ist Frachtraum knapp, Flugausfälle drohen immer und die Frachtkosten steigen sehr stark an. Momentan sind die Frachtkosten, die einen erheblichen Teil des Fischpreises ausmachen, etwa doppelt so hoch wie üblich. Viele Herkunftsländer unserer Zierfische lassen aber momentan noch nicht einmal Exporte von Waren zu.
  2. Ganz besonders hart hat es Südamerika getroffen, da die Ausbreitung des Virus dort (Anfang April) noch nicht einmal ansatzweise erfasst und kontrolliert werden kann. Es ist noch ungewiss, wann von dort wieder Exporte stattfinden können und so werden viele Wildfänge aus Südamerika (z.B. Otocinclus) vermutlich für eine Weile nicht mehr zu bekommen sein. In Südostasien geht dies offensichtlich schneller und erste Importe sind aus einigen Herkunftsländern (vor allem Indonesien, Singapur, Sri Lanka und Thailand) in Aussicht, jedoch zu stark erhöhten Frachtpreisen. Singapur als der Hauptumschlagplatz für Zierfische im asiatischen Raum hat allerdings das Problem, dass sehr viele Nachzuchtfische im Nachbarland Malaysia vermehrt werden, die wegen Corona aktuell nicht dorthin eingeführt werden können. Auch die Zierfischexporteure in Israel, die vor allem im aktuell ja so wichtigen Kaltwasserbereich von sehr großer Bedeutung sind, aber auch wichtige Zierfische aus BioSecure-Anlagen anbieten, haben vorerst bis Ende April Exporte ausgeschlossen.
  3. Wir versuchen, die am wichtigsten benötigten Arten auch notfalls über die wenigen verfügbaren Herkunftsgebiete zu beschaffen, wohl wissend, dass Größe und Preis unter Umständen nicht dem gewohnten Niveau entsprechen.
  4. Aqua-Global importiert Zierfische aus anderen europäischen Ländern, wie zum Beispiel Polen, Tschechien und der Slowakei. Jedoch werden dort vor allem die Fischarten vermehrt, bei denen osteuropäische Züchter preislich auch halbwegs konkurrenzfähig zu den Südostasienimporten sind. Den kompletten Bedarf an vor allem Salmlern und Lebendgebärenden können die osteuropäischen Betriebe deshalb aktuell nicht einmal ansatzweise decken.
  5. In der ersten April-Woche war das Einkaufsverhalten der Fachhändler noch sehr verhalten, durch die steigenden Temperaturen nimmt die Auftragslage nun wieder ein wenig zu. Besonders die Kaltwassersaison kommt nun langsam in Fahrt. Jedoch wird es noch lange dauern, bis der Bedarf wieder mit dem der vergangenen Monate vergleichbar ist. Es dürfte den Aquarianern schwer fallen, in den meist räumlich sehr beengten Zierfischverkaufsanlagen die derzeit nötige Distanz zu halten, was sicherlich einige Besucher des Zoofachhandels abschrecken und höhere Umsätze verhindern wird.

 

Euro-Fisch Schmölzing, Bernd Schmölzing

  1.  Wir haben auch Ausfälle zu verzeichnen, konnten aber viele Sendungen umbuchen, auf zum Beispiel andere Abflugorte, andere Fluggesellschaften und andere Tage.
  2. Insbesondere Singapur, Peru, Sri Lanka, Israel, Thailand, Fidschi, Kenia und die USA sind betroffen.
  3. Wir kaufen alles, was zu bekommen ist, nehmen auch nachts Fische an, akzeptieren bedeutend höhere Frachtraten und jeden beliebigen Tag der Anlieferung.
  4. Mit den guten Lieferanten arbeiten wir bereits zusammen.
  5. Es hat sich geändert. Manche Händler haben nach Bekanntwerden der Schließung einiger Märkte erst so richtig aufgerüstet, um zu zeigen, was der Einzelhandel kann. Andere aber haben ihr Sortiment extrem zurückgeschraubt, aus Angst, auch schließen zu müssen.

 

Aquarium Dietzenbach, Herbert Nigl

 

  1. Ein gut sortierter Zierfischgroßhandel hat circa 90 Prozent seiner Tiere aus Importen, weil Deutsche oder EU-Nachzuchten nur sehr begrenzt verfügbar sind. Auch Tiere aus Tschechien sind überwiegend Importe und nur mit sehr wenigen Arten wirklich tschechische Nachzuchten. Daher ist es problematisch, wenn die Importe aufgrund von Flugausfällen ausbleiben.
  2. Weltweit sind alle Länder betroffen.
  3. Solange der Flugverkehr von den Maßnahmen zur Verzögerung der Verbreitung von Corona betroffen ist, gibt es keine Möglichkeit, die Lieferkette aus Übersee aufrecht zu halten.
  4. Wir arbeiten schon immer mit Züchtern aus Deutschland und dem Rest der EU zusammen. Allerdings decken sie nur ein sehr begrenztes Artenspektrum ab.
  5. Die meisten unserer Kunden konnten noch Tiere verkaufen. Bei einigen hat das Ordnungsamt ein Verkaufsverbot von Tieren zum Schutz von Kunden und Personal angeordnet hat, wenn zum Beispiel auf der Verkaufsfläche der Mindestabstand nicht gewährleistet ist. Bei anderen ist das Kaufverhalten sehr eingeschränkt.

 

M&S-Reptilien, Stefan Broghammer

  1.  Der internationale Handel ist lahmgelegt. In Westafrika ist Schlupfsaison der Königspython. Normal werden die Tiere direkt nach dem Schlupf verschickt. Ist der Versand nicht möglich, gehen die Tiere ein. Die Züchter dort haben nicht die Möglichkeit, die Tiere zu füttern, da es dort keine Infrastruktur mit Nagerzuchten gibt.
  2. Es sind alle Länder betroffen.
  3. Für Europa bleibt einzig der Landweg machbar.
  4. Es werden viele Reptiliennachzuchten aus Europa bezogen. Hier ist die Situation dann noch lösbar.
  5. Die Menschen sind zu Hause und nehmen sich Zeit für ihr Hobby. Daher steigt die Nachfrage - beim Endkunden und Fachhändler gleichermaßen.

 

 

5/2020
VERSENDEN
 DRUCKEN 

Kommentar schreiben

* Bitte füllen Sie die rot gekennzeichneten Felder korrekt und vollständig aus.



(wird nicht veröffentlicht)

* Dies sind Pflichtangaben.


pet Fachmagazin

pet jetzt auch digital

Lesen Sie pet ab sofort wann, wo und wie Sie wollen - PRINT oder DIGITAL. Mit dem neuen pet-Abo erhalten Sie die Print-Ausgabe jeden Monat auf Ihren Schreibtisch. Oder Sie lesen digital als E-Magazin am PC oder auf Ihrem Tablet - auch offline. Probieren Sie es aus.

jetzt kostenlos testen

Archiv

Suchbegriff
Suche nach Rubrik
Suche im Heftarchiv

Newsletter petonline.de

Das Neueste aus der PET-Branche dreimal wöchentlich um 13.00 Uhr per E-Mail auf Ihren Rechner.

Anmeldung genügt. Anmelden