Ich bin am Stadtrand von Bremen aufgewachsen, und in der Nachbarschaft wohnte eine sehr freundliche ältere Dame. Gerne unterhielt ich mich mit ihr, oder besser gesagt, ich ließ mir von ihr spannende Geschichten aus ihrer Jugend erzählen. Eine dieser Geschichten hatte etwas mit der Heimtierbranche zu tun. Denn nur wenige Kilometer entfernt lag der Stammsitz eines sehr traditionsreichen, familiengeführten Unternehmens aus der Heimtierbranche.
Die Dame aus der Nachbarschaft erzählte mir damals davon, wie sie in der jungen Bundesrepublik – es müssen die späten 1940er- und die 1950er-Jahre gewesen sein – als Zuverdienst bei sich zuhause für besagtes Traditionsunternehmen Vogelfutter in Papiertüten abgefüllt hatte. Sie berichtete, dass regelmäßig große Säcke mit Vogelfutter und Kartons mit kleinen Papiertüten vor ihre Haustür geliefert wurden. Die Nachbarin füllte dann an ihrem Küchentisch das Futter aus den Säcken in die Tütchen, welche bei nächster Gelegenheit wieder bei ihr abgeholt wurden.
Die Geschichtsforschung kennt solche Formen der organisierten Heimarbeit sehr gut. Nach 1945 nutzten viele Unternehmen diese Form der Produktion. Als dann jedoch zerstörte Fabriken wieder aufgebaut worden waren und außerdem eine zunehmende Mechanisierung und Rationalisierung der Produktion zum Standard wurde, bedeutete dies das Aus für die Heimarbeit. Sie war im Vergleich zur Fabrik schlicht unwirtschaftlich geworden. Warum erzähle ich diese Begebenheit?
Weil sie ein Baustein von Wirtschaftsgeschichte ist, aber mehr noch als das. Sie beschreibt eine Episode, an die sich heutzutage kaum noch Menschen erinnern können, obwohl der zeitliche Abstand noch nicht riesengroß ist. Allerdings wird das Gedächtnis einer Gesellschaft oft schon nach ungefähr 30 Jahren ungenau. Gesellschaften treten diesem Vergessen entgegen, indem sie beispielsweise Bücher über die Vergangenheit schreiben, Denkmäler errichten oder auf andere Weise eine Erinnerungskultur pflegen. Ist das aber auch für die Heimtierbranche ein interessanter Punkt?
Auf jeden Fall, denn Unternehmen profitieren davon, wenn an ihre Vergangenheit erinnert wird. Wir Historiker nennen sowas „History Marketing“. Und ein sinnvoller öffentlicher Umgang mit der eigenen Firmengeschichte kann die Markenbindung stärken.
Die Geschichte einer Firma trägt oft emotionale Elemente, es geht mal auf und mal ab, und es geht um Menschen wie meine Nachbarin, die Empathie wecken können. Am Ende steht meist ein Happy End und ein fröhliches Firmenjubiläum. Insofern bietet sich History Marketing für das „Storytelling“ moderner Unternehmenskommunikation hervorragend an. Die Authentizität der eigenen Marke profitiert davon, ein Unternehmen kann sich vom Wettbewerb absetzen und eine lange Firmengeschichte wirkt vertrauensbildend.
Jens Crueger
Ehemaliger Landtagsabgeordneter, Berater für Politik und Unternehmen, Lehrbeauftragter an verschiedenen Hochschulen, Präsident des Aquarienverbandes VDA
Gerne wird History Marketing mit einer Jubiläumsfeier verbunden, aber auch andere Anlässe können genutzt werden. Eine Sache gilt es aber zu beachten: Geschichtsforschung benötigt Quellen! Diese Quellen sind Dokumente aus der Vergangenheit, und liegen bestenfalls im „Firmenarchiv“. Solche Archive sind oft schlicht Abstellkammern gefüllt mit alten Unterlagen. Wann immer sich die Frage stellt „können diese verstaubten Ordner ins Altpapier, oder müssen wir die noch aufheben?“ würde ich dafür plädieren: Bloß nicht wegwerfen!










