Dr. Julia Vietmeier und Jan Oßenbrink in der Hunter-eigenen Manufaktur in Bielefeld.
Dr. Julia Vietmeier und Jan Oßenbrink in der Hunter-eigenen Manufaktur in Bielefeld.

Hunter I langassung

Eine Benchmark setzen

Zwei Jahre Entwicklung, ein Sensor-Laufband und der Blick der Tierärztin: Wie bei Hunter das ergonomische Geschirr ErgoMove Pro entstand – und was das über den Kurs des Bielefelder Herstellers verrät.

Zur Interzoo hat Hunter mit dem ErgoMove Pro eine neue Generation ergonomischer Hundegeschirre vorgestellt – entwickelt mit Fachtierärztin für Chiropraktik (A) Dr. Julia Vietmeier. Wir sprachen mit ihr sowie mit Jan Oßenbrink und Felix Obeloer über Datensätze und Design, über Magnetschnallen und Marktstart und darüber, wie ein unabhängiger Hersteller in einem konsolidierenden Markt bestehen will. 

Frau Dr. Vietmeier, wie viele Hunde und welche Körpertypen steckten im Datensatz? Dackel, Windhund und Bulldogge sind biomechanisch völlig verschieden.

Dr. Julia Vietmeier: Wir haben viele Hunde vermessen, auch außerhalb der üblichen Range – Dackel, Französische Bulldoggen und andere. Die meisten waren Standardhunde wieetwa Labrador Retriever, weil das die reproduzierbaren Tiere für die Produktentwicklung sind. Die exotischeren Typen haben wir oft wieder exkludiert; vielleicht können wir für solche Hunde später noch spezielle Geschirre entwickeln. 

Und daraus leiten Sie ein Geschirr ab, das für alle passt?

Vietmeier: Das wird nie möglich sein, das schafft kein Geschirr. Vergleichen Sie nur die Bulldogge mit dem Greyhound und alles dazwischen. Wir decken einen Großteil der üblich gehaltenen Hunde ab. Wir haben uns bewusst für die Y-Form mit fünffacher Verstellbarkeit entschieden, weil man die sehr gut an den Hundekörper anpassen kann. Ein Norwegergeschirr etwa hat auch gut abgeschnitten, lässt sich aber viel schlechter einstellen. Getestet haben wir übrigens immer gegen das freie Laufen am Halsband, nicht gegen andere Y-Geschirre – uns ging es nicht ums Marketing, sondern darum, dem freien Lauf möglichst nahezukommen. 

Welche Geschirr-Typen haben am schlechtesten abgeschnitten? Auch frühere Hunter-Modelle?

Vietmeier: Wir haben unsere bestehenden Geschirre geprüft – zwei Y-Geschirre, ein Norweger- und ein Easy-Step-in-Geschirr. Das war durchaus mutig, denn hätte eines der getesteten Geschirre ergonomisch nicht gepasst, dann wäre hier weitere Entwicklungsarbeit nötig gewesen. Aber wenn die Geschirre gut saßen, hat keines schlecht abgeschnitten – auch nicht das Norwegergeschirr, das in den sozialen Medien oft als schulterbehindernd verschrien ist. Weder externe Studien noch unsere Messungen haben das bestätigt.

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Feleix Obeloer zeigt neu entwickelte Displays aus Metall mit magnetischen Folien für den Fachhandel. (Quelle: Dähne Verlag, Mengedoht)

Magnetschnallen sind komfortabel – aber was hält sie bei einem harten Ruck?

Vietmeier: Herstellerseitig wurden viele Zugtests gemacht, und die Schnallen haben gut abgeschnitten. Man muss je Schnalle zwei mechanische Druckpunkte betätigen, damit sie sich öffnet. Wichtig ist, dass man das Geschirr körpernah anlegt; bei einer Nummer zu groß verrutscht alles. Diese Bewegung über die Schnallen ist das eigentlich Neue und ein Gamechanger: Das Geschirr bewegt sich mit dem Hund, das gibt es in der Form bislang nicht. 

Prävention oder auch Therapie – hilft das nur gesunden Hunden oder auch Tieren in der Reha?

Vietmeier: Beides. Je besser das Geschirr passt, desto weniger läuft der Hund in einer Schonhaltung – und desto weniger Folgeschäden wie Arthrosen entstehen. Kranke Hunde, etwa nach einem Kreuzbandriss, sind ohnehin schon in einer Schonhaltung; ein suboptimales Geschirr kann das noch verschlimmern. Gerade diese Hunde profitieren von einem sehr gut sitzenden Geschirr. 

Fünf Verstellpunkte sind komplex. Wie stellen Sie sicher, dass Halter und Fachhandel korrekt anpassen?

Vietmeier: Wir haben viele Videos erstellt, in denen ich Schritt für Schritt erkläre, was wo sitzen muss – fürs ErgoMove Pro noch einmal im Speziellen, weil es sehr körpernah getragen werden muss. Meine Kollegin vergleicht es mit einer elastischen Skinny-Jeans: ganz eng, macht aber jede Bewegung mit. So ist es auch hier – das Geschirr sitzt eng, die Bewegung kommt aus den Schnallen. Idealerweise passt man es mit dem Hund im Fachhandel an.

Felix Obeloer: Für uns ist dies auch eine neue Art, ein Geschirr anzupassen. Wir haben rund 15 Erklärvideos in verschiedenen Längen bereitgestellt – öffentlich und zusätzlich gezielt an unsere Partner verschickt. Es beginnt ja schon beim richtigen Ausmessen: wo setze ich die Messpunkte an Hals und Brust an? Das ist entscheidend, damit ein Geschirr optimal sitzt. Der Handel kann die Chancen nutzen, wenn er solche Tools nutzt – in zwei Minuten kann sich ein Mitarbeiter ein Video ansehen und danach top beraten. 

Frau Dr. Vietmeier, als Tierärztin und Chiropraktikerin – was haben Sie aus Ihrer Praxis eingebracht, das ein „normaler“ Produktentwickler übersehen hätte?

Vietmeier: Zwei Beispiele. Erstens: Die wenigsten wissen, dass die Vordergliedmaße ihre Beweglichkeit primär aus dem Schulterblatt bezieht. Viele reden davon, Geschirre schränkten die Schulter ein, aber eigentlich müssen wir das Schulterblatt freilassen. Deshalb ist das Geschirr dort stark ausgeschnitten, sodass das Schulterblatt frei rotieren kann, und sitzt vorne eng wie ein Halsband, damit es sich beim Ziehen nicht verschiebt. Zweitens die Leinenbefestigung: Bei vielen Geschirren sitzt sie ganz hinten, am Übergang von Brust- zu Lendenwirbelsäule – dort ist es instabiler, da passieren viele Bandscheibenvorfälle. Wir setzen die Leine weiter vorne an, wo der Rippenkorb Stabilität gibt.

Obeloer: Das gilt nicht nur fürs Geschirr, sondern auch für die extra breiten Halsbänder mit klar medizinischem Hintergrund.

Vietmeier: Das war mein erstes Produkt hier. In der Praxis kommen ständig ziehende Hunde vor und die Halswirbelsäule ist hochsensibel – ein Halsband bringt häufig viel Kraft auf wenig Fläche. Manche Hunde können oder wollen aber kein Geschirr tragen. Für die haben wir ein breites Lederhalsband entwickelt, das den Zug auf größerer Fläche verteilt; tragen die Hunde diese extrabreiten Halsbänder, kommen sie häufig mit weniger Muskelverspannungen zurück in die Praxis. Inzwischen gibt es das bei uns auch als günstigere Stoffvariante für deutlich unter 30 Euro.

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Das Vet-Check-Symbol gibt den Verbrauchern Sicherheit. (Quelle: Dähne Verlag, Mengedoht)

Ist eine Langzeitstudie geplant, die belegt, dass Träger seltener Fehlbelastungen entwickeln?

Vietmeier: Das wäre für Geschirre allgemein hochinteressant, ist aber nicht unsere Aufgabe – dafür sind wir keine wissenschaftliche Institution. Seit etwa 2019 nehmen Studien Fahrt auf, die Geschirrtypen gezielt gegeneinander messen. Und da zeigt sich: Jedes Geschirr schränkt den Hund in irgendeiner Weise ein. Das muss nicht schlimm sein – es darf sich nur nicht zu stark auswirken. 

Herr Oßenbrink, wie rechtfertigt sich eine solche Investition – zwei Jahre Entwicklung, Sensor-Laufband, Prototypen – für ein einzelnes Geschirr?

Jan Oßenbrink: Eine genaue Zahl kann ich nicht nennen. Es war ein Unternehmensprojekt, an dem alle beteiligt waren – mit großer emotionaler Bindung, weil wir einen Benchmark setzen wollten. Vom Ergebnis her hat sich das Invest gelohnt. Unser Anspruch ist nicht, Kostenführer zu sein, sondern Innovationsführer – die Mehrwerte müssen wir liefern. 

Wo liegt das ErgoMove Pro preislich, und wie verteidigen Sie einen Premiumpreis in einem nur moderat wachsenden Markt?

Oßenbrink: Entwicklung und Design in Deutschland – es ist unsere Spitze in der Range, und hat Strahlkraft auf die anderen Modelle. Das ErgoMove Pro beginnt bei 85 Euro und geht bis 120, das Maldon kostet ungefähr die Hälfte. Ein neues Geschirr braucht einen Aufpreis, den es mit vielen Details und Features nachweist. Und wie beim Hosenkauf: Ein guter Verkäufer bietet drei an, und man nimmt mindestens das mittlere. Das ErgoMove Pro ist für viele erreichbares Premium – wer es sich gerade nicht leisten will, nimmt dann das Maldon. Diesen Image-Transfer hatten wir uns erhofft, und er zeichnet sich jetzt ab.

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Die Laufbandanalyse wurde im Mai auch auf der Interzoo in Nürnberg gezeigt. (Quelle: Dähne Verlag, Mengedoht)

Einzelprodukt oder Auftakt einer ganzen Ergonomie-Plattform?

Vietmeier: Wir haben schon vorgelegt. Die Tierarztkosten steigen, die Hunde werden älter – Longevity gilt auch für Hunde. Da bleiben wir dran und denken weiter in Gesundheit und Prophylaxe.

Oßenbrink: Details können wir noch nicht verraten, aber der Anspruch ist klar: Hunter soll für die Marke stehen, die sich bei Gesundheit am besten auskennen und daraus am schnellsten wirksame Lösungen entwickelt. Viele gute Ideen haben andere auch – den Unterschied machen Qualität und Geschwindigkeit der Umsetzung. 

Die Kategorie konsolidiert sich – Thule hat gerade Curli übernommen. Wie bleibt ein unabhängiges Bielefelder Unternehmen relevant?

Oßenbrink: Zwei Faktoren. Erstens die Gesellschafterstruktur: Eine Gesellschafterin, die das Unternehmen nachhaltig entwickeln will, statt schnell Geld herauszuziehen, ermöglicht Investitionen wie unser Geschirrprojekt. Zweitens die Organisation: Wir entscheiden sehr schnell – eine Etage weiter oder ein kurzer Teams-Call, ohne 20 Tabellen. 

Warum ist das ErgoMove Pro ausgerechnet über Fressnapf gestartet?

Oßenbrink: Fressnapf ist sehr daran interessiert, in seinen Fillialen Produkte und Lösungen zu zeigen, die es sonst noch nicht gibt. So kam eine gute Vereinbarung zustande. Wir sind mit Displays im Handel gestartet, zunächst nur in Deutschland. Auch in unserem eigenen Shop gab es sogar Wartelisten; nach der Freischaltung war das erste Kontingent binnen weniger Stunden ausverkauft. Jetzt sind alle Händler eingeladen und bekommen beste Betreuung – auch über unseren Außendienst, den wir mit 19 Personen in dieser Größe in der Branche kaum noch irgendwo finden. 

Die gesammelten Bewegungsdaten sind ein Asset. Könnte daraus ein Service werden – ein Gang-Scan im Laden, eine Anpass-App?

Obeloer: Die Laufbanddaten fließen nicht direkt in eine Anpass-App. Wir haben aber im Onlineshop einen Größenfinder, der fürs ErgoMove Pro eigens überarbeitet wurde. Langfristig ist eine Gesundheitsplattform denkbar, über die sich weitere Hundedaten sammeln lassen – nützlich für Halter, Hersteller und Fachhandel.

Oßenbrink: Daten sind Gold wert, aber da stehen wir noch am Anfang. Mein Traum wäre eine evidenzbasierte Aussage zur Gesundheitswirkung unserer Produkte – dafür bräuchten wir allerdings Langzeitstudien. 

Die Fragen stellt Oliver Mengedoht

Das ist die Langfassung des Beitrags aus der Printausgabe pet 9/2026.

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