Jens Crueger

Kolumne

Über den Reiz beim Einkaufen

Grelles Licht, Piepstöne, Hektik – für reizempfindliche Kunden ist das belastend. Die Stille Stunde schafft Abhilfe – und steigert die Einkaufsqualität für alle. Auch im Zoofachhandel.

Beim Einkaufen erleben wir viele Reize, manche sind beabsichtigt, aber nicht alle. Laute und knarzige Durchsagen, Piepstöne beim Kassiervorgang, hektisches Umeinanderlaufen von Kunden und Mitarbeitern, laute Gesprächsfetzen, herumstehende Kartons, Zugluft von der Hintertür… Für manche Menschen sind solche Reize ein echtes Einkaufshemmnis.

Man mag denken: „Sollen die sich doch nicht so anstellen!“ Aber dann nimmt man billigend in Kauf, dass jene empfindlichen Kunden ihr Einkaufserlebnis mit erheblichem Stress verbinden. Stress, der sie oftmals an ihre Belastungsgrenzen führt und sogar Vermeidungsverhalten provoziert. So ist es für manche Menschen schlicht weniger stressig und weniger überfordernd, im Internet einzukaufen als im stationären Fachhandel.

Wir begreifen als Gesellschaft allmählich, dass manche Menschen deutlich sensibler auf sensorische Reize ihrer Umwelt wie Geräusche, Gerüche, Licht und Unruhe reagieren. Dies betrifft Menschen mit Autismus, aber auch jene mit ADHS und anderen Neurodivergenzen, hochsensible Menschen, Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen, und einige mehr. Die Gruppe ist zusammengerechnet nicht klein, allein der Anteil neurodivergenter Personen wird auf 15 bis 20 Prozent der Gesamtbevölkerung geschätzt.

Ein neuer Ansatz verspricht diesen Menschen Hilfe beim Einkaufen: Die Stille Stunde. Die Idee dazu stammt aus Neuseeland. Theo Hogg, der ein autistisches Kind hat und in einem Supermarkt arbeitet, entwickelte dort die „Quiet Hour“. Sie findet in jedem teilnehmenden Geschäft einmal wöchentlich statt, und dauert (mindestens) eine Stunde. In dieser Zeit wird auf so viele Reize wie möglich verzichtet: Auf Geräusche, Gerüche, Unordnung, Hektik.

So dimmen die Geschäfte ihre Beleuchtung, verzichten auf Durchsagen und Musik, laute Gespräche sollen unterbleiben und aktive Displays werden abgestellt. Weitere mögliche Schritte sind eine Geräuschreduzierung an der Kasse, keinerlei Sortierung und kein Einräumen von Ware in dieser Zeit, sowie eine deutliche Kennzeichnung der Mitarbeitenden. Auf Wunsch können sich die Kunden auch beim Einkauf begleiten lassen.

Im deutschsprachigen Raum beteiligen sich mittlerweile rund 300 Geschäfte und Institutionen wie Museen an der „Stillen Stunde“. Auch einige Zoofachgeschäfte sind schon dabei, es könnten aber noch deutlich mehr sein.

Jens Crueger

war Landtagsabgeordneter und Präsident des Aquarienverbandes VDA, ist heute Berater für Politik und Unternehmen, Lehrbeauftragter an verschiedenen Hochschulen

www.crueger.info

Als Mensch mit Neurodivergenzen erkläre ich die Vorteile einer reizreduzierten Umgebung wie der Stillen Stunde gerne folgendermaßen: Für manche Menschen sind die Reize ein wahnsinniger Stressfaktor, der bis zur Handlungsunfähigkeit führen kann. Für viele andere Menschen scheinen diese Reize hingegen unbemerkt zu bleiben. Aber das stimmt nicht: Wir alle, egal ob reizempfindlich oder nicht, nehmen diese Reize wahr. Sie stören uns auch alle, aber wir merken nicht alle gleichermaßen, dass sie uns stören.

Daher ist ein weniger reizüberflutetes Einkaufserlebnis eines, das allen Kunden zu Gute kommt. Denn manche Reize wollen wir ja gerade besonders hervorstellen: Den Reiz einer schönen Aquarienanlage zum Beispiel. Da ist es doch schade, wenn ein im Weg herumstehender Aquarieneimer, ein unnötiges Beleuchtungselement außerhalb der Becken oder ein lautes Pumpensurren Störreize sendet und von der schönen Anlage ablenkt.

Rücksicht zu nehmen und Reize zu reduzieren, steigert also letztlich die Einkaufsqualität für alle Kunden. Die Stille Stunde wäre doch ein schöner Anlass, um das zumindest zeitweise auszuprobieren.

Mehr zur Stillen Stunde unter: https://www.stille-stunde.com

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